Der Glaube lebt ganz wesentlich davon, dass wir das Leben mit einer christlichen Perspektive wahrnehmen lernen. Das geschieht nicht nur in der Konfirmandenzeit, sondern im Prinzip ein Leben lang. Im Alltäglichen Gottes Wirken sehen, das ist ein Stück weit Glaubenskunst. 

Karfreitag, Karsamstag und Ostern- drei christliche Festtage, die man in ihrer spirituellen Bedeutung im eigenen Leben wahrnehmen lernen kann und auch im Leben um uns herum. Drei solcher Momentaufnahmen möchte ich teilen: 

An Karfreitag erinnern sich Christinnen und Christen an den Tod Jesu. Macht und Ohnmacht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Leben und Tod sind Themen, die sich in den Erzählungen der Bibel über den Tod Jesu zeigen. Die Kreuzigung Jesu- auch ein Sinnbild für das, was zum Himmel schreit und nach Gott ruft. Einen solchen Karfreitagsmoment erkenne ich in der Predigt der amerikanischen Bischöfin Mariann Edgar Budde, an deren Ende sie sich an den gerade in sein Amt eingeführten Präsidenten Donald Trump wendet. Sie bat einen der mächtigsten Menschen der Welt darum, Erbarmen mit denen zu haben, die auf seine Wahl und sein politisches Programm mit Angst reagieren. Ihre Worte waren im Ton freundlich und in der Sache klar formuliert. Hier war keine Überzeugungskunst, keine große Rhetorik und keine wie auch immer geartete Gelehrsamkeit zu hören. Sie hat mit ihrer Stimme die Stimme der Menschen hörbar gemacht, die aus ganz verschiedenen Gründen drohen ungehört zu bleiben. Christen konnten in diesem Moment sehen, hören und fühlen, was es bedeuten kann, dem liebenden Gott Raum zu geben und sich von ihm leiten zu lassen.  

Karsamstag ist ein Tag, der zwischen Karfreitag und Ostern ein bisschen zu schweben scheint. Grabesruhe Jesu und schweigende Glocken in den Kirchengemeinden. Noch ist Karfreitag in der Luft, aber der Blick auf Ostern spielt sich ein. Mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir einen Konfitag lang in der Zimmerei Hohmeister verbracht und haben dort Holzkreuze selbst gestaltet. Die Überschrift des Tages war „aus welchem Holz bist du geschnitzt?“ Jeder Moment der Bearbeitung des Kreuzes hat die Möglichkeit geboten, diesen mit glaubenden Sinnen wahrzunehmen: welche Form gebe ich dem Kreuz, das ich am Festtag meiner Konfirmation umgelegt bekomme? Was sehe ich im übertragenen Sinn im Holz meines Lebens- Prägungen, Macken, Wunden, Dankbarkeit und Freude? Es war für die Gruppe ein Tag, der ruhig war, ganz bei der Sache, aber auch mit Freude und Spannung. Einer der schönsten Momente war, als alle selbstgestalteten Kreuze vor uns lagen und sie mit nur einem Tropfen Leinöl ihr „finish“, ihre Vollendung, bekamen. Ein Gedanke dabei: nur ein kleines Bisschen von Gottes Liebe verleiht dem eigenen Kreuz Schönheit und Tiefe.  

Ostern- das Fest, an dem die Freude darüber laut werden soll, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Das ist die große Hoffnung, von der sich der Glaube tragen lässt. Die Glocken läuten an manchen Orten fast den ganzen Tag immer wieder. Alles wirkt wieder irgendwie lebendig und bunt, erstrahlt in neuem Licht. Osterfrühstück in Gemeinden und Zuhause, Osterschmuck und festliche Klänge. Ostern- das ist auch die Chance, sich inspirieren zu lassen, auch von Bewegungen außerhalb der eigenen „Blase“, wie man so sagt. Für mich war das zuletzt die „Eras-Tour“ der amerikanischen Sängerin Taylor Swift. Ich selbst bin (noch) kein „Swiftie“, also ein echter Fan von ihr. Aber ich sehe in dem, was die Musikerin in den letzten Jahren erschaffen hat vieles, das nach Ostern klingt: den starken Zusammenhalt der Fan-Gemeinde, die verbindende Kreativität der Swifties, die Freude friedlich und bunt miteinander zu feiern. Ich frage mich: wovon geht die Kraft aus, die so viele Menschen unterschiedlicher Generationen weltweit verbindet? Ich glaube, es ist unter anderem das Gefühl, sich zutiefst verstanden, gesehen und gehört zu fühlen und auch aktiver Teil einer Gemeinschaft zu sein. Eine Hoffnung, die daraus wächst: dass Kirche sich von all dem Guten, was darin steckt, inspirieren lässt. Dafür braucht es keine Stadien, keine grandiose Show und keine Tickets. Was es braucht, ist echte Freude an dem, was Gott uns schenkt und eine Gemeinschaft, die weiß, wie feiern geht. 

Ihr Pfarrer
Christoph Brunhorn

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung